Probleme und ihre Ursachen

Was ist Schulunlust?

Schulunlust, Schuldistanz, Schulverweigerung – es gibt viele Namen für das Phänomen – nimmt zu. Genaue Zahlen gibt es nicht, weil keine zentrale Stelle die lokalen Statistiken der Schule sammelt. Bei den Jugendämtern sammeln sich die Schulunlustigen, wenn ihre individuelle Problemlage grosse Ausmasse angenommen hat. Seriöse Schätzungen gehen davon aus, dass dieser „harte Kern“ über 10.000 Jugendliche zählt. Wieviele Jugendliche, die über lange Zeiträume in Psychiatrien oder Kurkliniken gehen und eigentlich auch mitgerechnet werden müssten, erfasst keine Statistik.

Dass ihre Anzahl in Zukunft noch dramatisch zunehmen wird, zeigt Schweden, das in seiner gesellschaftlichen Entwicklung mitteleuropäischen Ländern stets voraus ist. Auch hier zählt die Elternvereinigung „Hemmasittare“ (etwa „Heimsitzer“) 10.000 Betroffene. Aber bei einer Bevölkerung, die nur 1/9 der deutschen zählt. Für die Zukunft ist also mit einer dramatischen Zunahme auch in Deutschland zu rechnen.

Mit dieser Zunahme ändert sich die Zusammensetzung der Schulunlustigen hinsichtlich der Ursachen. In früheren Zeiten war Schulverweigerung, die weit überwiegend männlich war, in der Regel eine Form von jugendlicher Rebellion gegen erwachsene Autorität oder intellektuelle Überforderung oder eine Verquickung von beidem. Die Pädagogen bei Jugendämtern und ihren Massnahmeträgern sind immer noch von dieser Sichtweise geprägt.

Das fortschrittlichere Schweden hat bereits eine ganz andere Struktur. Hier sind die Schulfernen weit überwiegend Mädchen. Und wer sie kennen lernt, in Interviews oder Projekten, dem fällt die hohe Anzahl an Brillen und eleganter Kleidung auf und die gewählte Sprache. Es sind Nerds und Streber, die von der Schule wegbleiben. Und das deutet auf die Ursachen der Zukunft hin.

Das verschwundene Arbeitsethos

Es gab einmal eine Zeit, da war die Arbeit der Lebensmittelpunkt der Deutschen. Geier Sturzflug schrieb 1984 den Schlager, in dem sich die Deutschen wiedererkannten: „Bruttosozialprodukt“. Der Krankenstand jener Zeit bewegte sich bei unter 5 Prozent. Heute sieht die Lage anders aus. Immer weniger Lust haben die Menschen auf Arbeit. Sie flüchten geradezu vor ihr. Sie verbreitet Angst. Der Anfang dieser Entwicklung war die Einführung der Hartz-Gesetze 2005, die zu einem erwünschten Verfall von Löhnen und Sozialleistungen führten.

Arbeit macht jetzt keine Freude mehr. Die Menschen empfinden die Bewertung ihrer Arbeitsleistung durch Löhne und Sozialleistungen als unangemessen. Der Druck und Zwang, der in der Arbeitswelt ist, macht Angst, löst Fluchtreflexe aus. Natürlich bekennt sich niemand dazu. Es klingt besser, von „Work-Life-Balance“ zu sprechen, oder? Die Krankschreibungen nehmen zu, auch Phänomene wie unbezahlter Urlaub, Sabbatjahre und wie die Konzepte alle heissen. Vor allem ist die nachlassende Arbeitslust ein Boom für Psychiater, Psychologen, Psychiatrien, Reha-Kliniken usw. etc.

Schweden ist auch hier natürlich schon wieder weiter, war doch sein Hartz bereits 1991. Die Schweden holen sich bereits ihre Vier-Tage-Woche. Obgleich sie nirgends tarifvertraglich geregelt ist, wird sie mit Krankenständen, die an 20 Prozent gehen, faktisch bereits realisiert. Zu Weihnachten legen die mysteriösen Weihnachtsgrippen gleich mal 1/3 der Belegschaften flach. Und da hilft auch keine Einführung eines Karenztages. Den gibt es schon, auch seit den 1990ern.

Die Jugend bleibt davon nicht unberührt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Die Jungen spüren die Gefühle der Alten und sie imitieren sie. Das ist soziales Lernen. Und was den Altvorderen die Arbeit, ist ihnen die Schule. Sie haben die gleiche Stimmung von empfundener Überforderung, zu geringer Entlohnung (durch Chancen im Leben) und Angst vor dem Druck. Da hilft auch kein Hinweis, dass die Schule objektiv immer weniger Leistung fordert. Wenn es für die eingeforderte Leistung nicht genug zurück gibt, wird sie als zuviel empfunden.

Die Jungen reagieren mit den gleichen Strategien. Und so nimmt die Forderung nach „Safe Spaces“ in Therapien, Psychiatrien, Kurkliniken usw. etc. stetig zu.

Sinkende Lernleistung und sinkende Disziplin

Die zweite Quelle der ansteigenden Schulunlust ist die sinkende Disziplin in den Schulen. Sie ist ursächlich mit der ersten Quelle verknüpft. In schwedischen Klassenräumen ist es regelmässig so laut, dass man den Lehrer gar nicht mehr hören kann. Die Schüler folgen dem Unterricht im Kern einfach deswegen nicht mehr, weil sie es als nicht nötig empfinden. Die Leistungsziele sind so abgestürzt, dass sie meinen, dass sie die Schule eigentlich nebenbei schmeissen können. Sollen sie still sein, langweilen sie sich buchstäblich zu Tode.

Die sinkenden Leistungsziele sind der Einstellung einer Gesellschaft von Erwachsenen zur Arbeit geschuldet, die sie auf die Schule übertragen. Wozu immer mehr unterrichten, wenn doch Work-Life-Balance angesagt ist? Mit sinkenden Leistungszielen nimmt die Langeweile und Unruhe der Jugend zu. Auf die die Schulverantwortlichen mit Absenkung der Normen reagieren, weil sie die Unruhe der Schüler auf deren vermeintliche Überforderung zurückführen. Eine Abwärtsspirale ist im Gange, die stets neue ungeahnte Tiefststände erreicht.

Es entsteht ein Klima von latenter Aggression. Die auch immer wieder offen ausbricht. Am meisten leiden darunter, wen wundert es, die Mädchen. Wo das Recht des Stärkeren besteht, ist das weibliche Geschlecht natürlich im Hintertreffen. Und so beklagen sich in regelmässigen Studien der Schulbehörde die Mehrheit der Mädchen, dass sie sich in einem Klima von Rohheit und Gewalt unsicher fühlen. Ihnen gleich geht es intellektuelleren Typen, den „Nerds“, unter den Jungen.

Ein zunehmender Anteil von ihnen fürchtet ganz verständlicherweise die Schule und bleibt ihr fern. Was bei nicht mehr vorhandener Disziplin wiederum ebenso folgenlos ist wie die Brutalität derer, die sie fürchten.

Deutschland ist der Entwicklung zwar noch hinterher, wie die Deutschen den schwedischen Entwicklungen alle zeitlich folgen. Aber die Veränderungen sind auch schon sichtbar.

Die Lösung: Leistung muss sich wieder lohnen!

Als Schule und Internat können wir nur das simulieren, was die Gesellschaft und ihre Wirtschaft als Ganzes nicht tut: Leistung durch Belohnungen wertschätzen, die die Schülerinnen als angemessen empfinden, so dass sie verstehen: für mich lohnt sich Leistung!

Aus diesem einfachen Grund haben wir die Profile eingeführt, die mit Berufen verknüpft sind, die entweder:

  1. Angesehene Traumberufe sind oder
  2. überdurchschnittlich gut bezahlt sind

Beide Motivationen begünstigen Leistung. Künstler bringen von jeher Leistung, weil sie ihr Tun nicht als fremdbestimmt empfinden, sie nicht für andere erzeugen, sondern sich selbst ausdrücken. Und auf einer gewissen Karriereleiter auch anerkannt sind. Schauspieler können eben Stars werden. Davon träumen die Mädchen, die ernsthaft Schauspielerin werden wollen und dafür sind sie leistungsbereit.

In anderen Berufen, die eher auf die Erzeugung von materiellen Leistungen gerichtet sind, sind Mitarbeiter immer noch leistungsbereit, weil sie wissen, dass sie überdurchschnittlich gut entlohnt werden. Auch für sie lohnt sich ihre Leistung.

Wir rufen stets ins Bewusstsein, dass es in der Jugendfreiheit zahlreiche belohnende Elemente gibt, materielle wie immaterielle durch Gewährung von Freiheiten, die an Erbringung von Leistung gekoppelt sind: du verdienst sie dir deswegen, weil du schulisch etwas leistest. Und um in der Zukunft auf einem solchen oder als Erwachsene höheren Niveau leben zu können, muss unsere Schülerin diese Leistung auch durchgehend weiter erbringen.

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